Malle Storcks Werbung.

Humoreske von Teo von Torn.
in: „General-Anzeiger Altona” vom 13.05.1900,
in: „Leipziger Tageblatt” vom 14.05.1900


„Na, Herr Consul — — seltsames Zusammentreffen, was?”

Leutnant z. S. Emanuel — genannt Malle — Storck zog seinen prächtigen braunen Schnurrbart durch die Finger und blinzelte den steifleinen alten Herrn mit so listiger Ueberlegenheit an, daß dieser sich vor Zorn an seinem Rothspon verschluckte.

Zum Ueberfluß streckte Malle Storck nun auch noch den mit der blanken Krone bestickten Arm aus und schlug den hanseatischen Geschäftsträger Sr. Majestät des Königs von Dänemark, Herrrn Consul Jens Peter Erkensen, hilfreich und zuthunlich aufs Kreuz.

Der alte Herr rückte mit einer heftigen Bewegung ab. Um seiner Entrüstung noch anders Luft zu machen, wie er das, nach seinem Japsen zu urtheilen, gerne wollte, dazu fehlte ihm momentan der Athem. Nachdem er sich mit seinem buntseidenen Taschentuche umständlich die Augen getrocknet, barg er das faltige, blaurasirte Kinn in der altmodisch geknüpften schlohweißen Halsbinde und wollte den dreisten jungen Mann gerade zurechtsetzen, als der Geheime Admiralitätsrath von Groone, welcher die Herren für ein paar Augenblicke allein gelassen hatte, wieder das gemüthliche Box des Rathskellers betrat.

„Nehmen Sie's nicht übel, Herr Consul,” sagte der dicke, kurzluftige Rath, indem er sich niederließ und eine Ecke des Tisches geschäftig abzuräumen begann, „der Rothe ist bildschön, aber ich habe nun schon zwei Pullen davon im Leibe, und da ist mir, offen gestanden, ein bischen schlabbrig. Seien Sie jetzt 'mal mein Gast, und ich werde Ihnen Etwas zu trinken geben, was der ärmste Mensch genießen kann, wenn ihm schlecht ist. Prost Rest, meine Herren!”

Damit hob er sein Glas und goß es mit dem spitzen Munde des Genußmenschen hinter die Binde.

Malle Storck folgte dem guten Beispiele jedoch nicht, ohne den Rest unter höflicher Verbeugung speciell dem gnatzigen alten Herrn zu weihen, welcher sich bei der Proposition des Rathes ohne rechten Erfolg um ein freundliches Gesicht bemühte.

Herr Consul Erkensen wußte aus Erfahrung, was solche Mariniers zu leisten vermögen. Das allein aber wäre nicht so schlimm; man konnte sich ja einrichten — wie heute z. B. mit zwei Glas, während die Anderen je zwei Flaschen intus hatten. Aber wenn diese Leute aufthauten, dann hatten sie so besondere Getränke, auf die sie stolz waren, weil sie sie selbst mischten und die bei aller Verschiedenheit der Namen durchweg das Eine gemeinsam hatten, schrecklich schnell betrunken zu machen.

Und wirklich schwenzelte der Kellner mit einem großen Tablet an, auf welchem ein vielversprechendes Stillleben arrangirt war — zwei aufeinanderpassende silberne Mischbecher, Eis, Eier, Sherry, Madeira, Cognac, Angostura u. s. w.

„Nun, Storck — dalli, Ihren berühmten Cocktail!” ermunterte der Rath leuchtenden Auges. Und nach ein paar geübten Griffen rasselte unter den schüttelnden Händen des Leutnants das Eis in den Bechern wie eine samoanische Kriegstrommel. Dabei sah Malle Storck den alten Herrn so verheißungsvoll an, als wenn er sagen wollte: „Na, Du kannst Dir gratuliren!”

Dieser unterhielt sich zwar angelegentlich mit dem Rath, aber einzelne Seitenblicke ließen doch erkennen, daß er nicht übel Lust hatte, sich mit dem jungen Menschen zu prügeln. Eigentlich war es auch zum Teufelholen. Vor ein paar Wochen erst hatte er dem windigen Leutnant rund und deutlich sein Haus verboten, weil er die Stirn gehabt, schon zum zweiten Male um Henny Erkensen, das schönste und reichste Mädchen sämmtlicher freien Reichsstädte, anzuhalten. Als ob die Tochter des Handelsfürsten Erkensen jemand Anderes heirathen durfte, als mindestens einen Handelsprinzen. Henny selbst schien zwar aus der guten hanseatischen Art schlagen zu wollen — aber das kam blos daher, weil ihr dieser Thunichtgut schon als Primaner den Kopf verdreht hatte. Vor ein paar Wochen also hatte er der Sache radical ein Ende gemacht. Und Jens Peter Erkensen hielt die Lösung trotz der Thränen auf der einen und der unverschämt lächelnden Zuversicht auf der anderen Seite auf eine endgiltige. Denn wenn Malle Storck auch ein Windhund war, dessen Gymnasiastenstreiche noch in Aller Munde lebten, so war er doch jetzt Officier und würde nach dem unzweideutigen Verbot das alte Patricierhaus in der Dyvekestraße als Tabu betrachten.

Die Hoffnung, den unbequemen Freier überhaupt nicht wiederzusehen, hatte sich leider nicht erfüllt. Der Consul war wie aus den Wolken gefallen, als ihm vom Reichs-Marineamt der Geheime Admiralitätsrath von Groone und der seiner besonderen Fachkenntnisse wegen zur Werft-Section commandirte Leutnant z. S. Emanuel Storck zwecks Abnahme der letzten Teakholz-Lieferung avisirt wurden. Ein Glück war es, daß sein Haus zur Zeit innen und außen von Maurern und Malern belagert war und die Renovirungsarbeiten einen schicklichen Grund gaben, die Herren nicht daheim zu bewirthen.

So saß er denn jetzt neben dem zurückgewiesenen Eidam, welcher eben die Gläser mit einer ganz verdächtigen gelben starkduftenden Flüssigkeit füllte. Sein väterliches Patrizierherz lehnte sich auf gegen die Nachbarschaft eines Menschen, welcher schon so viel Aerger und Unruhe über sein sonst so correctes, friedsames Haus gebracht. Der Kaufmann in ihm dagegen bedingte Duldung, ja sogar eine gewisse äußere Liebenswürdigkeit. Die Geschäfte hatten sich — abgesehen von ein paar niederträchtigen Bemängelungen seitens des Sachverständigen, Leutnant Storck, — ziemlich glatt abgewickelt, und der Consul fühlte sich verpflichtet, den Herren Bescheid zu thun.

Das Zeug schmeckte übrigens nicht schlecht. Bei aller Consistenz hatte es einen nur leicht süßen, überaus würzigen Geschmack, welcher zu dem vorweg genossenen Rothwein vorzüglich „stand” und auch durchaus den Eindruck der Ungefährlichkeit machte.

Jens Peter Erkensen hatte erst ein- oder zweimal mit hochgezogenen Augenbrauen vorsichtig genippt und nahm nun einen kräftigen Schluck. Als er das Glas bedächtig niedersetzte, drückte er schmeckend die Lippen zusammen und wiegte voller Anerkennung sein würdiges Haupt.

„Na, Herr Consul, was sagen Sie nun?” interpellirte der Rath mit triumphirendem Aufblick.

„In der That, ein wohlschmeckendes Getränk,” erwiderte der alte Herr, indem er wie zur Bethätigung seines Lobes das Glas nochmals an die Lippen führte. Aber er konnte sich nicht enthalten, die im Grunde doch nur dem Leutnant gespendete Anerkennung wenigstens durch eine Malice einzuschränken, und so fügte er denn mit einem gekniffenen süßsauren Lächeln hinzu:

„Haben sehr bemerkenswerthe Fähigkeiten, unsere jungen Herren von heute.”

In Malle Storcks hübschem Gesicht spielte eine ganze Anzahl undefinirbarer Schalke. Plötzlich wurde er ernst und schüttelte langsam den Kopf.

„Es ist eigentlich furchtbar häßlich von Ihnen, Herr Condul,” meinte er dann, in dem er die Schultern wie unter einem leichten Seufzer hob und gleich darauf trübselig zusammen sackte, „entschieden häßlich, daß Sie unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten immer hervorkehren. Mein verehrter Chef, der Herr Geheimrath, muß ja fast glauben, daß Ihr Wohlwollen für mich ein begrenztes ist —”

Jens Peter Erkensen hob sein Kinn aus der Binde und wollte schon die Versicherung abgeben, daß diese Annahme durchaus den Thatsachen entsprechen würde — aber er brachte es doch nicht recht heraus. Er fühlte ein sonderbares leichtlebiges Wohlwollen in sich, das ihm Dinge von der humoristischen Seite zeigte, die er sonst nur bitter ernst zu behandeln pflegte. Also stimmte er in das gemüthliche Auflachen des Admiralitätsrathes ein.

„Sie müssen nämlich wissen, Herr Geheimrath,” wandte der Leutnant sich an diesen, „daß ich mit meinem väterlichen Freunde, Herrn Consul Erkensen, der mich schon seit meiner Knabenzeit kennt und schätzt, in einigen kleinen Ansichtssachen disharmonire. So verficht er seit Längerem schon die Auffassung, daß ich kein geeigneter Schwiegersohn für ihn wäre, wohingegen ich der begründeten Meinung bin, daß ich die ausgesucht vortrefflichen Qualitäten für diese angenehme Stellung in mir vereinige. Des Weiteren ist Herr Consul des Glaubens, daß die zwei handlichen Körbe, welche er mir hat zu Theil werden lassen, mich entmuthigen müßten, das Glück seiner Familie anzustreben. Das ist ein Fehlschluß, der auf einer kränkenden Verkennung meines guten Herzens beruht, und —”

„Holla,” unterbrach ihn der Consul so geräuschvoll lustig, daß Malle Storck aus seiner geduckten Haltung aufschaute und sich auch an den gerötheten Ohren und fidelen Augen des sonst so gestrengen Herrn höchlichst ergötzte, „holla, mein junger Freund, nur sachte gespaßt! Nach unserer letzten Rücksprache —”

„Werde ich Ihr Haus nicht eher und nicht anders wieder betreten,” ergänzte der Leutnant gelassen, „wie als Schwiegersohn.”

„Das werden Sie nie!” rief der alte Herr mobil und zuversichtlich, nach einem kräftigen Zug Cocktail. „Nie werden Sie auch nur Gelegenheit haben, eine erneute Werbung anzubringen — es sei denn, daß Sie — —”

„Zwischen Rothwein und Cocktail? Nein, niemals, Herr Consul. Ich werde mir erlauben, morgen Mittag zwischen zwölf und eins in aller Form noch einmal vorzufragen — Bitte — —,” fügte er hinzu, indem er den lebhaft gesticulirenden alten Herrn nit seinem Stuhl niederdrückte, „ohne natürlich die Schwelle Ihres Hauses zu betreten oder zu überschreiten.”

„Also auf der Strae etwa?!”

„Aber ich bitte Sie, Herr Consul! Außerdem weiß ich, daß Sie zwischen zwölf und eins stets zu Hause sind.”

„Nun wohl, so werden Sie schreiben, und ich werde Ihren Brief nicht beantworten!”

„Ich werde nicht schreiben, sondern den Vorzug haben, mich persönlich zu erkundigen, inwieweit Sie sich zu einer Ansicht bekehrt haben.”

Malle Storck verzog keine Miene, sondern schickte sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit an, einen zweiten Cocktail zu brauen.

Der Consul sah mit einem seiner weniger schlauen Gesichter von dem köstlich amüsirten Geheimrath auf dessen Adlatus. Nach wenigen Secunden consternirten Schweigens aber überkam ihn eine solche unbändige Heiterkeit, daß er buchstäblich Thränen lachte.

„Nein, das ist köstlich! Haben Sie es gehört, Herr Geheimrath? Leutnant Storck geht in die vierte Dimension! — Wissen Sie, junger Freund,” rief er, indem er mit dem Taschentuche in der Linken sich die Augen betupfte und mit der Rechten sein Glas hinhielt für die neue Auflage des „wohlschmeckenden Getränks”, „— wenn Sie das zu Wege bringen, dann glaube ich auch noch an ein anderes Wunder, daß Sie nämlich doch noch ein vernünftiger Mensch — Pardon! in meinem Sinne vernünftig — werden könnten! Darauf trinken wir, meine Herren! — —”

*           *           *

Als Malle Storck an drei oder vier Stunden später den hanseatischen Geschäftsträger Sr. Majestät des Königs von Dänemark, Herrn Consul Jens Peter Erkensen, durch den großen prächtigen Vorgarten bis hart an die Schwelle seines Hauses begleitet, apostrophirte dieser seinen neuen jungen — Duzfreund mit unsicherer, sehr gerührter Stimme:

„Du bist ein lieber Kerl — und Du kannst mir einen Kuß geben, weißt Du — aber — heirathen werde ich Dich nicht — auf keinen Fall — — und über meine Schwelle kommst Du mir auch nicht — —”

*           *           *

Am anderen Morgen war der Consul höchst ungnädiger Stimmung — und das hielt so ziemlich bis zum Frühstück an, das er mit seiner runden, freundlichen Gattin allein einnahm, weil Fräulein Henny Erkensen wegen verweinter Augen sich nicht an den Tisch traute.

Es war ein herrlicher sonniger Mittag. Die Maler hatten ihr Gerüst draußen verlassen, und man konnte die Fenster aufsperren. Das erfrischte den alten Herrn sichtlich, und er aß mit relativ gutem Appetit. Die kleinen Einzelheiten von „Odysseus' Heimkehr”, welche die kleine Frau Consul mit Bezug auf gestern Abend zum Besten gab, waren zum Theil zwar etwas genierlich für einen älteren Herrn, der nur noch in der Kirche, und dann natürlich nicht den „Herrn v. Rodenstein” zu singen pflegte; aber es war doch Vieles so überwältigend komisch dabei, daß er schließlich von der neckischen Heiterkeit seiner Gattin sich fortreißen ließ.

Als der Geheime Admiralitätsrath v. Groone sich melden ließ, um, wie verabredet, die Abnahmescheine zu unterzeichnen, war die Stimmung des alten Herrn eine so vorzügliche, daß er weder an den rothen Augen seines gleichzeitig eintretenden Töchterleins, noch auch daran Anstoß nahm, daß der joviale Geheimrath alsbald auf den Leutnant z. S. Emanuel Storck, auf seine Tüchtigkeit und voraussichtlich glänzende Carrière zu sprechen kam.

„Alles sehr schön und gut,” erklärte der Consul nicht unfreundlich, indem er dem Gaste Rothwein einschenkte, „aber der junge Herr ist ein Windbeutel und Flausenmacher — erklärte er nicht gestern, hier noch einmal seine Werbung vorbringen zu wollen, ohne die Schwelle meines Hauses zu überschreiten — —”

Jens Peter Erkensen hatte noch nicht ausgesprochen, als sein Töchterchen mit einem Schrei aufsprang, um dann ihr Taschentuch mit beiden Händen gegen den Mund zu pressen.

In demselben Moment ertönte vom Fenster her ein munteres „Guten Morgen!”

Malle Storck, im Dreimaster und Epaulettes und Schärpe, balacirte auf dem schwankenden Malergerüst, wie auf einer Mars-Raae und grüßte freundlich hinein; dann stützte er sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett und sagte:

„Herr Consul! — gnädigste Frau — — ich bitte um die Hand Ihrer Tochter!”

In seinem ersten Schreck hatte der Consul eine Butterdose ergriffen, um sie nach dem unerhörten Eindringling zu werfen. Er mußte aber das Projektil wieder fortstellen — wenn er nicht sein Töchterchen treffen wollte.

Und „Nein!” durfte er schon gar nicht sagen, denn nach seinen strengen Grundsätzen mußte ein Mann, der von einer Tochter in Gegenwart der Eltern so furchtbar abgeküßt wurde, diese Tochter nolens volens auch heirathen.

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